Vorweg möchte ich sagen, dass ich ein großer Fan von Antonia Wesseling bin. Ich mag ihren Youtube Kanal Tonipure und ihren Podcast und finde ihre lockere und witzige Art super. Außerdem teile ich ihren Buchgeschmack zu fast 100% und mochte auch ihren Roman „Wo du uns findest“ sehr. Als ich gehört habe, dass ihr neustes Werk eine Mischung aus Romance und Thriller à la Colleen Hoover sein wird, war ich mega gespannt.
Voller Vorfreude habe ich das Hörbuch begonnen und musste leider schon nach einigen Minuten feststellen, dass meine Erwartungen zu hoch waren – exorbitant zu hoch.
Dieses Buch hat meines Erachtens weder die Beschreibung Thriller noch Liebesroman verdient.
Möglicherweise liegt es an der Sprecherin, aber die Protagonistin Valerie Sophie empfinde ich nicht als sie starke Frau, als die sie durchgehend beschrieben wird, sondern egozentrisch, arrogant, ignorant und anstrengend. Außerdem badet sie an vielen Stellen in Selbstmitleid und erscheint mir zu oft als Damsel in Distress.
Ich bin nicht der Ansicht, dass man einen Protagonisten zwingend sympathisch finden, aber er sollte einem wenigstens eine gewisse Identifikationsfläche bieten. Valerie Sophie bietet aber in dieser Hinsicht so wenig an und ist mir dermaßen unsympathisch, dass ich stellenweise mehr mit dem (vermeintlichen) Stalker und dessen Beweggründen sympathisiere als mit dieser Frau. Auch für ihren Love Interest Paul kann ich mich überhaupt nicht erwärmen. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden liegt dermaßen auf der Hand, dass auch wg des rapiden „Kennenlern“-Tempos null Spannung aufkommt und ist gleichzeitig trotzdem so unauthentisch und langweilig. Vielleicht liegt es daran, dass die beiden Charaktere einfach überhaupt kein Interesse bei mir erweckt haben, aber die Lovestory zwischen den beiden holt mich überhaupt nicht ab.
Die Sexszenen sind nicht wirklich spicy und wirken oft seltsam deplatziert. Möglicherweise weil sich zwischen den beiden Hauptcharakteren Valerie und Paul einfach auch überhaupt keine Spannung aufgebaut ist und es eben nicht nur ein „Me“-Problem ist, weil ich Valerie furchtbar anstrengend und unsympathisch finde und Paul langweilig und berechenbar.
Auch die Nebenfiguren wirken leider allesamt blass und profillos (außer vielleicht Tizian und Erik K.). Fast hatte ich den Eindruck, dass diese Charaktere besser „gelungen“ und markanter sind, weil die Autorin hier wirklich Spaß beim Schreiben hatte;-)
Das kann ich leider über den Rest des Buches nicht sagen. Insgesamt erscheint mir das ganze Werk eher so als habe Antonia Wesseling eine gute Idee für die Auflösung gehabt, die sie ja auch in den beiden Epilog beschreibt, aber selber nicht so richtig gewusst wie sie dorthin kommt oder keine rechte Lust gehabt die eigentliche (Vor)Geschichte zu erzählen.
So bleibt „Insight“ auf der einen Seite sowohl was die Charaktere als auch die behandelten und erwähnten Themen wie Stalking, (Alkohol-) und Regretting Motherhood an der Oberfläche und ist trotzdem unfassbar langatmig und stellenweise richtig langweilig. Es baut sich einfach keine Spannung auf, ich habe nicht einmal um Valerie Sophie Angst gehabt oder wollte ernsthaft wissen, wer der Stalker ist (abgesehen davon, dass ich relativ schnell auf die richtige(n) Person(en) getippt habe.)
Ich habe offen gestanden 4x überlegt abzubrechen, was nicht nur an dem fehlenden Spannungsbogen und der nervigen Valerie, sondern auch an dem schlechten Schreibstil lag.
Davon war ich wirklich richtig enttäuscht, zumal ich Antonias Art zu reden super sympathisch und witzig finde und ihr gerne zuhöre und auch ihren Schreibstil in „Wo du uns findest“ total mochte. Diesmal kam mir der Stil aber leider sehr einfach, beinahe stümperhaft vor, fast so als hätte dieses Buch ein 14-jähriges Mädchen geschrieben, dass so tut als sei sie eine Erwachsene. Ich weiß, das klingt wahrscheinlich gemein und ich bin mir auch sicher, dass die Autorin das viel besser kann, aber ich weiß ehrlich nicht, wie ich es anders umschreiben soll. Es gab einfach so viele Wiederholungen, einfallslose Beschreibungen, undurchdachte oder sehr einfältige Dialoge, die Charaktere „klangen“ alle gleich und teilweise war die Wortwahl nicht sehr einfallsreich. Es wirkte auf mich wie gesagt so, als hätte Antonia Wesseling selber beim Schreiben die Lust auf diese Geschichte verlassen, so lieb- und farblos kommt das ganze daher, ohne jede Tiefe oder doppelten Boden (außer den am Ende: Meiner Vermutung nach der Grund, warum es dieses Buch überhaupt gibt…).
Was mich zusätzlich – und zwar wirklich UNFASSBAR – gestört hat, waren die Kapitelüberschriften. Was zur Hölle sollte das denn bitte? Diese Überschriften, die wirkten wie die Botschaften aus einem Glückskeks oder ins Buch gesprungene Wandtattoos, haben bei mir anfangs für Verwirrung und anschließend für immer stärkeres Augenrollen gesorgt. Nicht nur, dass sie oft nicht wirklich passten, teilweise wären sie richtige Spoiler gewesen, wenn die Handlung nicht sowieso schon so vorhersehbar gewesen wäre. Ich hab mich echt immer wieder gefragt, was das ganze (in einem Thriller!) zu suchen hat und – da schließe ich mich einer anderen Rezension an – hab mich öfter gefragt, was diese Glückkekssprüche sollen, als mich die Suche nach dem Stalker interessiert hätte.
Die Sprecherin fand ich übrigens auch nicht gut, teilweise hat sie ganze Sätze in einer falschen Stimm-/Charakterfärbung gesprochen und auch wenn sie eine tolle Stimme hat, hat ihre Art zu sprechen, das arrogante, lamoyante Auftreten von Valerie noch verstärkt. Das passt natürlich einerseits wunderbar zur Figur, ist andererseits unfassbar anstrengend und nervig für den Zuhörer. Ich habe mehrere Geschwindigkeiten ausprobiert um herauszubekommen, wann es am erträglichsten ist und bin zum Schluss bei 2-facher Geschwindigkeit gelandet.
Trotzdem hatte ich fast 12 Stunden lang den Eindruck, ich würde den Sprachnachrichten einer Person lauschen, die unfassbar selbstbezogen, unempathisch, arrogant und unreflektiert ist und trotzdem meint, mich zwischendurch mit lebensbejahenden Weisheiten belehren zu müssen;)
An dem Cover habe ich gar nichts auszusetzen. Das ist wirklich schön und erinnert mich an „Too Late“ von Colleen Hoover. Das ist aber auch due einzige Ähnlichkeit, die diese beiden Bücher haben.
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