Das Nähe-Distanz-DilEmma

Eine Freundin von mir, nennen wir sie der Einfachheit halber mal Caro, hat ein Problem. Ein Problem, das ich in der ein oder anderen Variante auch schon von meinen Freundinnen Jana, Melli und Kathy kenne:

Sie alle haben einen tollen Mann kennengelernt, sie daten ein paar Mal, sie mögen sich, sie vögeln, sie daten weiter und irgendwann sind sie mit dem tollen Mann „zusammen“. Die rosarote Brille sitzt perfekt, der Platz auf Wolke sieben sicher. Alles ist gut – solange sie mit ihrem neuen Freund im wahrsten Sinne des Wortes zusammen sind.

Doch dann geht der Freund zur Arbeit, pendelt in eine andere Stadt, fährt übers Wochenende zu seinen Eltern oder verbringt ein paar Tage in der Heimat bei seinen Freunden – und meldet sich nicht. Und BUUUM!

Vorbei mit rosarot und Wolke 7. Auf einmal kommen sie, die Zweifel, das leise Stimmchen, das Caro, Melli & Co einredet, dass irgendetwas nicht stimmt. Geht es ihm gut? Was macht er gerade? Warum meldet er sich nicht? Denkt er etwa nicht an mich? Hat er etwa eine gute Zeit? Ohne MICH? Mit anderen Menschen? Mit anderen Frauen? Da gibt es doch diese Kollegin, Kommilitonin, Kindheits-/Kumpel-Freundin von früher… die schon immer scharf auf ihn war… Oh mein Gott, wahrscheinlich knutscht er gerade mit der Freundin aus Kindertagen, vernascht danach die Kollegin auf dem Kopierer und brennt anschließend mit der Kommilitonin durch. Dieser Arsch! Warum meldet er sich bloß nicht?

Caro-Jana-Kathy-Melli fühlt sich plötzlich abgeschnitten von ihrer neuen Liebe, irgendwie isoliert und einsam, als wäre sie wieder Single, sie ist traurig, deprimiert und unsicher. Liegt es an mir? Hab ich was falsch gemacht? Bin ich nicht attraktiv genug?

Eine sehr weise Freundin hat einmal zu mir gesagt: Wenn Frauen lieben, lieben sie in einem fort, Männer haben zwischendurch zu tun. Besser kann man es wohl nicht zusammenfassen: Männer sind verliebt und gehen gleichzeitig arbeiten, ins Fitnessstudio und in die Kneipe. Frauen sind verliebt. PUNKT.

Das wäre erst einmal kein Problem, wenn die meisten Frauen nicht ihre Art von Verliebtsein auf ihren Auserwählten projizieren würden. Das heißt: Wenn sie das Bedürfnis haben 24/7 in seiner Nähe zu sein, an ihn zu denken oder ihm zu schreiben, dann gehen sie davon aus, dass es ihm ebenso geht. Menschen sind aber alle unterschiedlich und gerade Männer und Frauen unterscheiden sich oft, in ihrem individuellen Bedürfnis nach Nähe & Distanz. Dabei ist keines der beiden Bedürfnisse gut oder schlecht, aber eben anders – und oft ein Brandherd für schlimme partnerschaftliche Strohfeuer.

Caro, Melli, Jana und Kathy haben also jeweils das gleiche Problem, aber sehr unterschiedliche Umgangsweisen damit:

Während Caro in Abwesenheit ihres Freundes ein ganzes Wochenende Trübsal bläst, sich aus unerfindlichem Grund minderwertig fühlt und sich nach 24 Stunden des vergeblichen Wartens initiativ bei ihm meldet und sich dann über seine einsilbigen, einzeiligen Textnachrichten ärgert,

geht Melli mit den Mädels feiern, schießt sich aus Frust über die Funkstille ab und fühlt sich nach einer durchzechten Nacht zwar mental nicht besser, dafür aber körperlich schlechter. Frei nach dem Motto Kater sticht Kummer.

Jana entscheidet sich für die proaktive Variante, spricht ihren Herzensmann direkt auf die Bedürfnisschieflage an und bittet ihn darum sich häufiger und vor allem von sich aus bei ihr zu melden – mit der Konsequenz, dass er nun zwar von unterwegs anruft, aber hörbar genervt ist, kaum was erzählt  und gar nicht fragt, wie Janas Tag war. Zu allem Überfluss beendet er das Telefonat nach 3 Minuten mit den Worten: „Ich muss jetzt auch ins Bett, wollte mich nur kurz melden, nicht, dass du sonst wieder sauer bist.“ Daraufhin ist Jana natürlich sauer und bei der nächsten Gelegenheit fliegen die Fetzen.

Kathy hingegen ist sich ihrem Bedürfnis nach Nähe total bewusst, daher fordert sie einfach unverblümt und direkt mehr Zeit von ihrem Freund ein. Der braucht aber laut eigener Aussage auch mal Zeit für sich und seine Freunde, was Kathy so gar nicht verstehen kann. Immerhin sehen sie sich sowieso nur 2 bis 3 Mal die Woche. Das ist Kathy viel zu wenig. In einer Beziehung  sollte man sich am besten jeden Tag sehen. Findet Kathy. Und besteht auf ihrem Recht. Ihr Freund sieht das anders. Es wird gestritten und Kathy hat schlussendlich Recht, aber keinen Freund mehr.

So klischeehaft sich das Ganze auch anhören mag, so tragisch ist es leider. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Beziehungen schon an dem Nähe&Distanz-Dilemma gescheitert sind, wie viele Streitigkeiten, man hätte vermeiden können und wie viele einsame Wochenenden weniger einsam gewesen wären, wenn man doch nur eine Lösung für dieses universell anmutende Problem finden würde.

Die gute Nachricht ist: Die gibt es. Und das nicht erst seit gestern. Aber oft müssen wir erst regelrecht mit der Nase drauf gestoßen werden, unzählige Podcasts hören, Bücher lesen oder Therapiestunden hinter uns bringen, damit wir sie sehen. Die Lösung heißt: Get your shit done! Oder wie sie in Persönlichkeitsentwicklungskreisen auch gerne genannt wird: SELBSTLIEBE!

Denn die Sache ist doch die: Dass dein Freund sich nicht bei dir meldet, hat in erster Linie ja gar nichts mit dir zu tun, sondern erst mal nur mit ihm. Ganz egal, ob er gerade arbeiten, trainieren, saufen oder kacken ist. Es hat nichts mit DIR zu tun. Was aber sehr wohl etwas mit dir zu tun hat, ist das, was seine Abwesenheit oder sein Nicht-Melden in dir auslöst. Die Zweifel, das kleine Stimmchen, das Minderwertigkeitsgefühl, die Eifersucht, die Verlustangst. Das alles hat mir dir zu tun. Und das ist gut, denn das heißt: Du kannst daran arbeiten.

Du kannst nicht ändern, dass er sich nur alle 12, 24, 48, 72… Stunden bei dir meldet. Was du aber ändern kannst ist, was es mit dir macht, dass er sich nur alle 12, 24, 48, 72… Stunden bei dir meldet, was du darüber denkst, was du dir darüber erzählst und damit in letzter Konsequenz auch, wie du über DICH denkst. Und das ist wichtig!

Denn wenn ich eines von der guten Laura Malina Seiler (Grüße gehen raus;) gelernt habe, dann, dass unsere Gedanken unsere Gefühle beeinflussen und unsere Gefühle wiederrum unsere Gedanken und diesen Kreislauf kannst du dir zu Nutze machen.

Anstatt zu denken, dass er jetzt bestimmt mit allen Supermodels gleichzeitig rummacht oder die Zeit seines Lebens hat, könntest du dich auch freuen und dafür dankbar sein, dass du so einen tollen Freund hast, der gesund und wohlauf ist, der Kumpels, eine Arbeit, Hobbies, etc., hat und der es auch noch schafft zwischendurch sein Handy wegzulegen, im Moment zu leben und eine gute Zeit zu haben. Denn nichts anderes passiert wahrscheinlich, wenn er mit anderen Menschen zusammen ist: Er lebt im Moment und das solltest du auch tun.

Egal, wofür du dich entscheidest, ob du dich mit Freunden triffst, drei Bücher liest, zehn Filme guckst, zwanzig Stunden meditierst oder deine Zeit nutzt um die Auslöser deiner Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle aufzuspüren. Alles ist besser, als sich die ganze Zeit zu fragen, was er wohl gerade macht und warum er sich nicht meldet. Probier‘s mal aus. Es wirkt wirklich Wunder und entspannt so schön, ein paar Stunden mal nicht an den Partner, sondern einzig und allein an sich selbst zu denken. Denn das ist der Mensch, dem wir offenbar mehr Beachtung und Liebe schenken sollten. Nicht dein Partner hat Selbstzweifel, Verlustängste und Minderwertigkeitsgefühle. Die hast du. Und daher braucht auch nicht dein Partner eine doppelte Portion Selbstliebe und einen Selbstwert-Boost, sondern du.

Und das Verrückteste ist: Wenn du dich ein paar Stunden, Tage oder Wochen mal nur um dich gekümmert hast, wirst du nicht nur merken, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn dein Freund sich auch mal Zeit für sich nimmt, sondern kurioserweise wird sich dein Freund möglicherweise irgendwann auch von sich aus melden.

Ein Phänomen, das wahrscheinlich viele Frauen schon einmal beobachtet haben und kürzlich auch Caro erleben durfte: In dem Moment, in dem sie ihre Bubble aus Trübsal verlassen, sich schick gemacht und mit einer Freundin getroffen hat, kam die lang ersehnte Nachricht ihres Angebeteten.

Wie so oft im Leben erfüllen sich unsere Wünsche genau dann, wann wir sie loslassen oder, wenn wir so eine gute Zeit haben, dass wir ganz vergessen uns überhaupt was zu wünschen. Denn dann ist alles, was wir uns wünschen, schon längst daJ

Ein super hilfreicher Buchtipp, für alle die meinen, Zeit wäre die einzig legitime Währung für Liebe: „Die 5 Sprachen der Liebe“ von Gary Chapman

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